Freitag, 11. Dezember 2015

Adventskalender 12.Dezember 2015


Seid ihr schon gespannt, ob Felix vergeblich wartet? Dann wollen wir euch und den armen Kerl mal erlösen ...

Süßer Traum (Teil 2)

Gähnend lasse ich den Blick auf die große Uhr wandern, die über dem Durchgang zwischen Laden und Backstube hängt. Wie oft habe ich da eigentlich schon hingeschaut? Inzwischen ist es bereits weit nach neun Uhr und mein bevorzugter Kunde ist noch immer nicht erschienen. Ausgerechnet heute, wo ich selbst den Laden noch für zwei Stunden betreuen muss, weil Klara früher in die Versicherung muss und meine Mutter sich verspätet, weil die Pflegekraft für meinen Vater abgesagt hat und sie erst einen Ersatz beschaffen muss. Ich bin todmüde und kann eine Aufmunterung gut gebrauchen.

„Du bist noch da, das ist schön. Ich bin so spät dran heute.“ In Gedanken bin ich gerade ganz weit weggewesen. Beim Klang der dunklen Stimme, auf die ich schon so lange gewartet habe, zucke ich zusammen. Mein Blick geht zu dem Mann, der außer Atem und mit leicht gerötetem Gesicht vor mir steht. Nur der Verkaufstresen trennt uns voneinander und wieder steigt mir der Duft des Aftershaves in die Nase, der mir schon in den vergangenen Tagen aufgefallen ist. „Ich hoffe, es gibt noch das heutige Special.“

Es fällt mir schwer meine Augen abzuwenden und ich brauche einen Moment, bis ich meine Stimme wiederfinde. „Klar doch, alles noch da.“ Er braucht ja nicht zu wissen, dass ich mit Bedacht extra für ihn jeden Tag eine Spezialität zurückhalte. Bisher haben wir zwar immer ein paar Exemplare übrig behalten, aber man kann ja nie wissen. „Wenn Sie jeden Tag kommen, ist das Komplettangebot noch immer günstiger.“ Obwohl mein Herz kräftig pocht, verfalle ich in einen geschäftsmäßigen und professionellen Ton.

„Das Zeug ist so lecker und viel zu billig für die Güte. Das passt schon.“ Während ich eine der bunten Pappschachteln, die wir für diesen Zweck angeschafft haben, unter dem Verkaufstisch hervorhole, mustert der Kunde die verschiedenen Pralinen, die im Angebot ausliegen. „Hast du die alle selbstgemacht? Du bist ein echtes Genie. Ich brauche unbedingt von jedem Teil eines zum Probieren. Bisher war alles, was ich gekostet habe, der Hammer. Deinetwegen werde ich noch zum Koloss …“

„Du doch nicht. Du bist perfekt!“ Erschreckt beiße ich mir auf die Zunge und versuche, die aufsteigende Röte in meinem Gesicht zu unterdrücken. Was erzähle ich hier für einen Unsinn? Das ist ein Kunde und ich … ich lasse mich auf ein viel zu vertrauliches Gespräch ein.

Geschäftig tauche ich unter den Tresen und krame in den faltbaren Schachteln in verschiedenen Größen, die wir für die Pralinen gekauft haben. Sie sind teuer, aber gehören für mich einfach dazu. Wenn man etwas Besonderes präsentieren will, gehört auch die Verpackung dazu. Ohne auf mein klopfendes Herz zu achten, suche ich nach der passenden Box und falte sie zusammen. Meine Finger zittern und ich brauche einen zweiten Versuch, bis die Schachtel fertig ist. Ich will etwas sagen, aber ich traue meiner Stimme nicht. Stumm  greife ich nach der Zange und suche die schönsten Stücke aus. Eins nach dem anderen schichte ich in die Box, legte eine Lage Folie dazwischen und nehme das nächste. Die Luft knistert und die Spannung zwischen uns ist unerträglich. Bilde ich mir das nur ein?

„Es tut …“

„Es tut …“

Zeitgleich beginnen wir zu sprechen und das Eis ist gebrochen. Wir lachen beide.

„Du …“

„Du zuerst“, unterbreche ich ihn bestimmt. Mein Lächeln ist unsicher, aber ich halte dem Blick meines Gegenübers stand. Während ich darauf warte, dass der Unbekannte redet, schließe ich die Schachtel mit den Pralinen und stelle sie auf den Tresen.

„Vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen. Arne …“

Ich greife die Hand, die sich mir entgegenstreckt. Eine Gänsehaut breitet sich auf meiner Haut aus. „Felix …“

Arne hält meine Finger einen Wimpernschlag länger fest als unbedingt nötig. Er lächelt und nickt, während ich unter seinem Blick dahinschmelze. Ich bin wirklich erbärmlich. „Ich weiß. Ich habe mich ein wenig über dich erkundigt.“

Die Türglocke schrillt und Frau Müller von nebenan kommt herein. Sie hat ihre beiden Kinder an der Hand und keift sie die ganze Zeit an. Arne nickt nur freundlich und tritt einen Schritt zur Seite, um Platz zu machen für die Familie. Er bleibt im Hintergrund, während ich mich um Professionalität bemühe. Es fällt mir schwer, mich auf die Kundin zu konzentrieren. Deutlich spüre ich Arnes Blicke auf mir, meine Haut prickelt und mein Pulsschlag ist erhöht. Die Müdigkeit, die ich noch vor ein paar Minuten gespürt habe, ist vollkommen verschwunden.

„2,10 €“, sage ich mit einem freundlichem Lächeln zu der Stammkundin, die die Tüte mit den Brötchen entgegennimmt und mir das Geld reicht. Ich hole zwei Kekse für die beiden Kleinen hervor und nehme das Wechselgeld aus der Kasse.

„Sagt danke zu Herrn Dornbichler“, verlangt die Mutter.

„Danke“, rufen die Zwillinge unisono und stopften die Kekse in ihre Münder. Sie haben es nicht leicht mit ihrer Mutter, die immer gestresst und hektisch wirkt und häufig mit ihnen herummeckert, obwohl die beiden auf mich einen recht braven Eindruck machen.

Arne hält die Tür auf und wartet, bis wir wieder allein im Raum sind. Doch gerade als er ansetzen will zu sprechen, kommen erneut Leute in den Laden. Zum ersten Mal verfluche ich, dass kurz nacheinander Kundschaft kommt, doch trotz meiner Ungeduld bleibe ich freundlich und erfülle die Wünsche. Allerdings atme ich erleichtert aus, als die Tür sich wieder schließt und Arne und ich endlich allein sind. „Sorry“, meine ich achselzuckend. „Es ist selten so viel los bei uns.“

„Unverdientermaßen“, entgegnet Arne. Unbemerkt ist er näher an mich herangetreten. Seine Nähe verwirrt mich. „Dein Laden ist der beste im ganzen Landkreis.“ Seine Finger berührten meinen Arm. Lächelnd beobachtet er das Aufstellen der kleinen Haare und die Gänsehaut, die sich bei mir ausbreitet. Doch dann zieht er abrupt seine Hand weg und räuspert sich. „Würdest du … mit mir … ich meine, hast du Lust, mit mir …“

Spontan will ich ablehnen. Es gibt viele Gründe, die gegen ein Treffen sprechen. Ich habe so gut wie gar keine Freizeit und will außerdem keine Beziehung. Das hier klingt nach einem Date und ich will kein Date. Wenn ich Sex will, dann gehe ich in einen Club und suche mir einen Kerl für die Nacht aus. „Okay“, höre ich meine eigene Stimme, obwohl mein Kopf das Gegenteil will. „Ich habe ab mittags frei. Was hältst du von einem Spaziergang auf dem Weihnachtsmarkt?“

„Superidee!“, antwortet Arne schnell. Er drückt mir einen Geldschein in die Hand. „Stimmt so. Ich hole dich um 16 Uhr ab. Vorher schaffe ich es nicht. Okay?“ Mechanisch nicke ich und schaue Arne hinterher, der sich an der Tür noch einmal umdreht und mich anlächelt. „Bis nachher, ich freue mich.“

Wie in Trance starre ich auf die sich schließende Tür. Mein Herz pocht laut in meiner Brust und meine Knie sind weich wie Wackelpudding. Was passiert hier mit mir? So etwas habe ich noch nie erlebt. Vor allem frage ich mich, was heute anders ist als an den letzten Tagen. Auch da habe ich Arne bereits bedient, doch unser Kontakt ist nie über ein normales Verkaufsgespräch hinausgegangen. Zumindest habe ich das so empfunden, auch wenn Klara etwas anderes behauptet. Eben war vom ersten Augenblick an eine besondere Spannung zwischen uns.

Zum Glück ist es um diese Zeit recht ruhig, damit ich mich wieder fangen kann, bevor der nächste Kunde in den Laden kommt. Die Gedanken in meinem Kopf schwirren umher und versuchen zu begreifen, was hier gerade passiert ist. Es gelingt mir nicht. Ich habe mich tatsächlich verabredet … obwohl ich das gar nicht will … oder doch? Doch, ich will das. Wenigstens für einen Nachmittag kann ich mir doch ein wenig Abwechslung vom tristen Alltag gönnen. Arne löst irgendetwas in mir aus, was ich lange nicht mehr empfunden habe und das tut mir gut.

 

Kurz nach 12 Uhr kommt meine Mutter endlich. Sie sieht erschöpft aus und ich bekomme sogleich ein schlechtes Gewissen, weil ich sie hier für ein paar Stunden einbinde, bis Klara von der Arbeit kommt und die Abendzeit übernimmt. Die Pflege meines Vaters zehrt an ihren Kräften und ein Ende ist nicht in Sicht. Ich weiß, dass sie es gern tut, weil sie ihn liebt, aber der Einschnitt ins Leben ist nicht nur für ihn selbst gravierend. Mein Vater, der Zeit seines Lebens vor Energie und Tatkraft gestrotzt hat, hadert mit seinem Körper und der Hilflosigkeit. Immerhin hat er nach den ersten Wochen den Kampf angenommen und bemüht sich in der Reha nach Kräften. Das Sprechen gelingt ihm schon viel besser und nach und nach wird auch die Koordination wieder besser. Aber von dem Tag, ohne Hilfe auskommen zu können, ist er noch meilenweit entfernt.

„Hallo Felix, tut mir leid, dass es so spät geworden ist …“ Ohne ein Wort nehme ich meine Mutter in den Arm und halte sie fest. Es gibt keine tröstenden Worte und ich mag es nicht, wenn sie meint, sich entschuldigen zu müssen.

Während ich uns beiden einen Cappuccino aus der Maschine ziehe, zieht sie ihren Kittel an und wäscht sich die Hände. Aus dem Augenwinkel beobachtet sie mich und ich fühle mich gleich wieder in meine Kindheit versetzt. Obwohl ich fast dreißig Jahre alt bin, bemerkt meine Mutter immer gleich, wenn mich etwas beschäftigt. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns schon immer recht nahe gestanden haben. Im Gegensatz zu meinem Vater weiß sie, dass das, was ich gerade tue, nicht mein Traumberuf ist. Mehr als einmal hat sie mich ermuntert, meinen eigenen Interessen zu folgen und versprochen, mit meinem Vater zu reden. Der Versuch, lässig zu agieren und so zu tun, als ob ich ihren Blick nicht bemerke, schlägt wie erwartet fehl.

„Geh ruhig, wenn du heute noch etwas vor hast“, meint meine Mutter. „Ich komme hier schon allein klar.“

Kann sie hellsehen? Manchmal ist sie mir wirklich unheimlich. Da Leugnen zwecklos ist, gebe ich klein bei und erzähle ihr von meinem Treffen mit Arne. So wenig überrascht wie sie klingt, hat Klara ihr schon von dem speziellen Kunden erzählt. Ich muss wohl mit meiner Schwester mal ein ernstes Wort reden. Oder es ist tatsächlich so, dass ich der einzige in unserer Familie bin, dessen Gaydar nicht funktioniert und der nicht mitbekommen hat, dass Arne Interesse an mir zeigt.

„Das freut mich für dich.“ Meine Mutter nimmt mich in den Arm und drückt mich fest. „Es wird Zeit, dass du Dominik hinter dir lässt und endlich wieder jemanden findest, mit dem du zusammen sein willst.“

„So weit sind wir noch lange nicht und außerdem …“

„Es gibt immer einen Weg, wenn man sich liebt.“

Die Stimme meiner Mutter klingt energisch und im Grunde hat sie auch recht. Das beste Beispiel für eine funktionierende Beziehung steht schließlich direkt vor mir. Aber so weit sind wir tatsächlich noch lange nicht.

„Wir gehen nur auf den Weihnachtsmarkt, nicht mehr …“ Ich versuche das Treffen abzuschwächen, aber tief in mir keimt trotzdem die Hoffnung, dass es doch mehr ist … oder mehr daraus werden kann.

„Habt Spaß und genieße den Abend.“ Mama küsst mich auf die Wange und schiebt mich Richtung Tür. „Du bist jung und brauchst das. Wenn du willst, können Klara und ich morgen früh den Dienst übernehmen.“

Ich schüttle den Kopf. „Nein, das mache ich schon. Danke, Mama!“ Das wissende Lächeln, das sie mir schenkt, sagt mehr als Worte, aber sie widerspricht mir nicht. Für einen Augenblick bin ich versucht, dem Traum von einem freien Tag zu folgen. Doch ich kann es weder von ihr noch von meiner Schwester verlangen, noch mehr Zeit zu opfern. Wir müssen alle an unsere Grenzen gehen und Opfer bringen. „Tschüss, Mama!“ Auf einmal habe ich es eilig. Es ist zwar noch ein wenig Zeit, aber ich habe keinen Plan und muss mir Gedanken machen. Was soll ich anziehen?  Wo genau will ich mit Arne hin? Was soll ich von unserem Treffen erwarten? Verspreche ich mir zu viel davon? Was erwarte ich eigentlich genau?
 
TBC
 
Morgen geht es dann weiter bei Sissi Kaipurgay


Montag, 7. Dezember 2015

Adventskalender 8.Dezember 2015



Süßer Traum


Das schrille Läuten des Weckers reißt mich aus dem Tiefschlaf. Murrend drücke ich die Schlummertaste und gönnte mir noch ein paar Minuten. Unerbittlich wird das Unding in zehn Minuten wieder bimmeln und mich endgültig zum Aufstehen zwingen. Ich hasse meine Arbeitszeiten. Es gibt Schöneres, als mit den Hühnern aufzustehen, vor allem wenn man eigentlich ein Nachtmensch ist wie ich. Doch das wusste ich schon, als ich mich für diese Ausbildung entschieden habe. Mein Traumberuf war Bäcker und Konditor wahrlich nie, doch meinen Eltern zuliebe und weil ich selbst keinen besseren Plan hatte, habe ich nach dem Abitur mit der Lehre begonnen. Eigentlich wollte ich nur ein bisschen Zeit schinden, bis ich wusste, wie ich meiner Familie schonend beibringen kann, dass ich keine Lust habe, den Familienbetrieb weiterzuführen. Die sozialunverträglichen Arbeitszeiten allein reichen schon aus, um den Beruf nicht gerade zum Traumberuf werden zu lassen. Schließlich gibt es noch ein Leben neben der Arbeit. Blöd nur, wenn man immer dann ins Bett muss, wenn die Freunde den Abend gerade beginnen.

Von einem Tag auf den anderen hatte sich dann allerdings meine Aussicht auf eine andere Beschäftigung verändert. Als mein Vater einen Schlaganfall bekam, änderte sich auch mein Leben von Grund auf. Mir blieb gar keine andere Wahl, als die Tradition meiner Familie fortzuführen. Mein Urgroßvater hat die Bäckerei vor über einhundert Jahren eröffnet und der Betrieb wurde dann von Generation zu Generation weitervererbt. Nun sind meine Schwester und ich an der Reihe, wobei Klara gleich klargemacht hat, dass sie ihre Zukunft nicht um 3 Uhr morgens in einer Backstube sieht. Damit sie mithelfen kann, hat sie ihre Stundenzahl in der Versicherung, in der sie arbeitet, halbiert. Immerhin gibt es so wenigstens ein festes Einkommen, denn die Zahlen unseres Betriebes sind wirklich erschreckend. 

Auch wenn ich noch weit vom Wachzustand entfernt bin, kreisen meine Gedanken um die finanzielle Lage unseres Ladens. Es ist bestimmt nicht gesund, wenn sich jede bewusste Minute sich ums liebe Geld dreht, aber ich kann nichts dagegen machen. Murrend quäle ich mich aus dem Bett und gehe in die Küche. Mein erster Gang führt mich jeden Morgen hierher, denn ohne den ersten Becher mit heißem Kaffee, stark tiefschwarz, bin ich kein Mensch. Da ich meinen morgendlichen Zustand kenne, bereite ich die Kaffeemaschine immer schon am Abend vor. Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich mich noch nie beim Rasieren geschnitten habe, wenn ich mal wieder im Halbschlaf vor dem Spiegel stehe. Die Hoffnung, mich jemals an diesen Tagesrhythmus zu gewöhnen, habe ich längst aufgegeben. Die Aussicht auf Jahrzehnte in diesem Trott ist allerdings mehr als furchterregend.

 Nach einer lauwarmen Dusche und ein paar eiskalten Spritzern Wasser sieht das Gesicht, das mir im Spiegel entgegenblickt, immerhin schon etwas besser aus. „‘n Morgen, Felix“, knurre ich halblaut mein Spiegelbild an. „Du siehst scheiße aus wie immer.“

Gähnend schleppe ich mich zum Anziehen zurück ins Schlafzimmer. Langsam beginnt der Kaffee zu wirken und die Routine tut ein Übriges. Bevor ich die knarrende Holztreppe von meiner Wohnung hinunter in die Backstube gehe, gieße ich mir noch einen zweiten Becher ein. Obwohl ich die Mansarde, in der ich während meiner Ausbildung gewohnt habe, mochte, ist mir die Entscheidung zum Umzug hierher nicht schwer gefallen. So kann ich jeden Morgen beinahe eine halbe Stunde länger schlafen und bin im Notfall auch schnell erreichbar, wenn ich später im Laden gebraucht werde.

 

Aus den Lautsprechern schallt laute Musik, als ich mit den Vorbereitungen für die ersten Backwaren beginne. Seit ich die Rezepte meines Vaters ein wenig geändert habe, schmecken die Brötchen wirklich gut und nach und nach steigt auch die Anzahl der neuen Kunden wieder an. Das ist auch dringend notwendig, um die Bäckerei vor der Insolvenz zu bewahren. Schon seit Jahren geht das Geschäft stetig zurück, weil die Kundschaft immer mehr zu dem Backshop im benachbarten Supermarkt abwandert. Obwohl es dort nur aufgebackene Fertigmischungen gibt, die mit handgemachten Bäckerschrippen nicht im Mindesten mithalten können. Aber es ist halt billig und bequem. Dass die Konkurrenz groß ist, war mir bewusst, aber wie prekär die Lage inzwischen ist, habe ich erst nach dem Studium der Bücher erkannt. Mein Vater hat die Augen vor dem Fiasko komplett verschlossen und weitergemacht wie bisher. „Qualität setzt sich irgendwann durch.“ Noch immer höre ich die schleppende Stimme bei der Antwort auf meine Frage, was er gegen den stetigen Umsatzrückgang unternommen hat. Die Tatsache, dass unser Laden die am Abend übriggebliebenen Backwaren für Bedürftige spendete, war zwar edel, aber auch unsere Familie braucht ein Einkommen zum Überleben. Noch im Krankenhaus nahm mein Vater mir das Versprechen ab wenigstens zu versuchen, den Laden zu halten. Zu der Zeit hoffte er wohl noch, selbst irgendwann einmal wieder einsteigen zu können. Aber das wird nie mehr passieren. Er konnte froh sein, wenn er einmal wieder ein normales Leben führen konnte. Nach den ernüchternden ersten Wochen fällt mir die Hoffnung zwar zunehmend schwer, aber ich halte meine Versprechen und werde zumindest ein Jahr lang durchhalten.

Als die erste Lage Brötchen im Ofen und die nächste vorbereitet ist, gehe ich hinüber in den Laden. Ich wische die Auslagen ab und schalte den Kaffeeautomaten an. Die Ausgabe für die Maschine übersteigt eigentlich unser Budget, aber um mit der Zeit zu gehen, muss eine Bäckerei heute Kaffee mit einer richtigen Crema ausschenken. Bisher allerdings bin ich wohl selbst mein bester Kunde, doch schließlich muss es auch einen Vorteil haben, Chef zu sein. Während ich auf das Klingeln der Zeitschaltuhr warte, gönne ich mir noch einen Latte Macchiato mit zwei Löffeln Zucker. Kaffee in jeglicher Variation ist eines meiner wenigen Laster.

Diesen Moment mag ich jeden Morgen am liebsten. Nur der Klang meiner Lieblingsmusik durchbricht die Stille. Mit dem heißen Milchgetränk in der Hand betrachte ich die Pralinen im Fenster. Auf die Eigenkreationen bin ich ein bisschen stolz, auch wenn sich bisher noch nicht genug Kunden darauf einlassen. Vielleicht lässt der Umsatz sich ankurbeln, wenn wir ein paar Stücke zur Werbung verschenken. Das muss ich einfach noch einmal durchrechnen. Pro zehn Euro Umsatz zwei Pralinen umsonst und einen Rabatt von einer Praline beim Kauf von mindestens zehn Stück. Wenn diese Biester nicht so viel Zeit bei der Herstellung benötigten, wäre es einfacher. Aber mir macht die Herstellung von Pralinen auf jeden Fall mehr Spaß als das Backen von Kuchen. Mit einem Lächeln im Gesicht rücke ich das Werbeplakat auf dem Verkaufstresen zurecht. Klaras Bild ist wirklich schön. Meine Schwester hat ein künstlerisches Talent, das ich ihr nie zugetraut hätte. „Ein Advent ohne Kalender ist wie Weihnachten ohne Baum!“ Ein Adventskalender neben einer geschmückten Tanne. „Wir bieten den besonderen Kalender … jeden Tag einzeln oder im Abo.“

Komplette Kalender haben wir vor dem 1.Dezember zwar nur wenige verkauft, aber im Laufe der ersten Tage sind es doch einige Kunden, die regelmäßig vorbeikommen. Überhaupt laufen die Tagesangebote recht gut. Es macht zwar viel Arbeit, jeden Tag eine neue Kleinigkeit zu entwickeln, aber der Spaß überwiegt und es war ein weiterer Weg, Kunden zu gewinnen. Viele Menschen freuen sich über die Abwechslung und sind gespannt, woraus die tägliche Überraschung besteht. Die Kommentare sind hauptsächlich positiv und wenn sich die Angebote herumsprechen, können wir bald vielleicht noch mehr unterschiedliche Dinge anbieten. Mundpropaganda durch zufriedene Kunden ist durch kein Geld der Welt zu ersetzen. Ob unser besonderer Kunde heute wohl auch wieder erscheint? Verträumt denke ich an den jungen Mann, der seit ein paar Wochen regelmäßig in den Laden kommt. Zunächst hat er alle paar Tage nur zwei Brötchen gekauft, seit die Pralinen im Angebot sind, probiert er jedes neue Stück aus und nun kommt er jeden Morgen, um das Adventstürchen zu kaufen. Seit ich ihn durch Zufall einmal selbst bedient habe, bleibe ich meist so lange im Laden, bis er da war. Wenn mein Liebesleben schon nur im Kopf stattfindet, darf ich mir doch wenigstens ein reales Traumbild gönnen. Der Kerl entspricht meinem absoluten Traumtyp. Seine Locken, die meist widerspenstig ins Gesicht hängen und von ihm unbewusst alle paar Sekunden weggepustet werden, und die strahlendblauen Augen, die wie mich wie ein Meer in seinen Strudel ziehen …

„Wartest du schon wieder auf deinen Traumprinzen? Kannst es wohl nicht abwarten.“ Als ich die Stimme meiner Schwester höre, zucke ich zusammen. „Tust du, ich sehe es dir an.“ Klara lacht, bevor sie sich an mich schmiegt und auf den Mund küsst. „Ist aber auch ein Sahneschnittchen. Lade ihn doch mal auf ein Date ein. Es wird Zeit, dass du mal wieder rauskommst.“

Mein Lachen klingt humorlos. „Gute Idee. Ich mache mich zum Affen und vergraule einen Kunden, indem ich ihn zu einem Date einlade, obwohl ich nicht mal weiß, ob er schwul ist. Außerdem sind Dates am Nachmittag immer sehr romantisch, wie ein Kindergeburtstag.“

Klara zieht mich in eine feste Umarmung und zwingt mich, ihr ins Gesicht zu schauen. „Du solltest wirklich mal wieder an deinem Gaydar arbeiten. Der ist schwul, garantiert. Und interessiert an dir ist er auch, sonst würde er dich nicht immer anschmachten, wenn er dich sieht. Ihr seid wahrscheinlich beide gleich verklemmt. Du arbeitest viel zu viel und hast dir mal eine Auszeit verdient. Einen Morgen schaffe ich mit Mamas Hilfe bestimmt auch allein und ich bin sicher, dass sie sofort zusagt, wenn wir ihr erzählen, für welch guten Zweck es ist.“

Die Unterhaltung läuft in eine Richtung, die mir nicht gefällt. Meine Schwester hat schon ein paar Mal versucht, mich an irgendwelche Kerle zu verkuppeln, seit die einzige Beziehung meines Lebens vor zwei Jahren in die Brüche gegangen ist. Sie gibt sich noch immer eine Mitschuld an der Trennung, weil sie mich damals früher nach Hause geschickt hat, damit ich Dominik überraschen kann. Ich hätte wahrlich auf den Anblick meines Freundes verzichten können, der gerade stöhnend seinen Schwanz in einem Kerl versenkte. In dem Augenblick, als ich die Wohnungstür aufschloss und die eindeutigen Geräusche aus dem Wohnzimmer hörte, brach eine Welt für mich zusammen. Doch nun bin ich froh, den Scheißkerl, der mich nach Strich und Faden betrogen hat,  los zu sein. Wie sich herausgestellt hat, war der Typ nicht der einzige, der in den fast vier Jahren unserer Beziehung zur Verfügung stand, wenn Dominik jemanden toppen wollte. Mit mir zu reden wäre wohl zu einfach gewesen. Ich habe nie bemerkt, dass ihm etwas fehlt. Im Gegenteil, ich habe selbst darauf verzichtet, mich ihm öfter hinzugeben, weil ich dachte, er mag mich anders lieber. Im Nachhinein kann man nur sagen, dass wir ein generelles Kommunikationsproblem hatten. Seltsamerweise verflog der erste Schmerz schnell, was mir zeigt, dass ich mir wohl die ganze Zeit etwas vorgemacht habe, als ich in ihm den Mann meines Lebens gesehen habe. Vielleicht war er auch nur jemand, der bereit war, die unchristlichen Arbeitszeiten und damit verbundenen Einschränkungen im privaten Leben zu ertragen. In der ersten Zeit nach der Trennung wollte ich meine wiedergewonnene Freiheit genießen und Spaß haben. Wenn ich in einen Club zum Tanzen ging, fand ich immer einen willigen Kerl zum Ficken. Warum sollte ich mich also erneut an einen einzigen Typen binden,  der mich am Ende doch enttäuschte? Niemand weiß allerdings besser als ich selbst, dass ich mir etwas vormache. Im Grunde bin ich ein Romantiker, der sich nach der großen Liebe sehnt … dem einen Mann, mit dem an meiner Seite ich alt werden will. Die Ehe meiner Eltern ist noch immer ein Vorbild für mich, auch wenn ich mir einen Mann als Partner wünsche. Spätestens als mein Vater erkrankte, ist die Aussicht auf eine neue Liebe allerdings immer unwahrscheinlicher geworden. Sozial unverträgliche Arbeitszeiten, die schon das Aufrechterhalten von Freundschaften erschweren, sind ein Ausschlusskriterium bei der Partnersuche.

„Ich kann mir meine Kerle allein aussuchen“, murre ich laut. „Hör auf, dich einzumischen.“  

„Das merkt man. Ich möchte fast wetten, dass du seit Dominik keinen Kerl mehr nahe an dich heran gelassen hast …“

„Ich werde ganz sicher nicht mein Sexleben mit dir diskutieren.“

Für mich ist die Diskussion damit beendet, daran lasse ich keinen Zweifel. Doch so schnell lässt meine Schwester sich nicht stoppen.

„Sex ist nicht alles, Bruderherz. Du kannst dir vielleicht selbst etwas vormachen, mir aber nicht. Ich weiß schließlich, wie du bist, wenn du wirklich glücklich bist. Als du mit Dominik zusammen warst, hast du von innen gestrahlt. Jetzt wirkt dein Lächeln meist aufgesetzt. Ich dachte wirklich, ihr beide seid ein Traumteam und ich mochte Dominik. Aber wenn ich ihn jetzt noch mal in die Finger bekomme, sollte er sich warm anziehen. Seit der Trennung bist du nicht mehr derselbe und ich bin stinkwütend auf den Kerl, der dir das angetan hat.“

Das Klingeln der Türglocke beendet unser Gespräch und Klara widmete sich dem ersten frühen Kunden, der zufrieden mit den ofenfrischen Brötchen abzieht, während ich zurück in die Backstube gehe.



Morgen geht es weiter bei Sissi Kaipurgay

Mittwoch, 2. Dezember 2015

Adventskalender 3.Dezember 2015


Willkommen zu meinem ersten Beitrag zu unserem kleinen Adventskalender. Da meine geplante Geschichte noch zu unvollendet ist, um den ersten Teil hier zu posten, habe ich etwas anderes aus der Schatztruhe gekramt, das mit Weihnachten zu tun hat.

Der Weihnachtsmann

Wilhelmstraße. Na endlich. Nun muss ich nur noch diese dämliche Hausnummer finden. 195 p. Ich bin spät dran. Der letzte Auftritt hat fast eine halbe Stunde länger gedauert als eingeplant war. Immerhin ist es mir gelungen, den kleinen Wicht davon zu überzeugen, dass der Weihnachtsmann ganz lieb ist und man keine Angst vor ihm haben muss. Eigentlich war er ja echt süß, der Zwerg. Aber der Weihnachtsmann hat ihn doch mächtig erschreckt. Dabei habe ich mir sogar nur den kleinen Bauch umgeschnallt. Einige meiner Kollegen verzichten sogar ganz darauf, aber in meiner Vorstellung muss der Weihnachtsmann einen Bauch haben. Vielleicht habe ich deshalb in diesem Jahr sogar schon ein paar Kunden aus dem letzten Jahr, die darauf bestanden haben, mich wieder zu bekommen. Schade, dass Weihnachtsmänner nur an einem einzigen Tag im Jahr benötigt werden. Der Job macht mir von allen, die ich mache, um mir mein Studium leisten zu können, am meisten Spaß. Lukrativ ist er auch noch. Zusätzlich zu dem vereinbarten Honorar habe ich schon 50 € Trinkgeld bekommen. So ist es wenigstens für etwas gut, dass ich Heiligabend schon wieder allein bin. Eigentlich bin ich gern allein, aber gerade an den Weihnachtstagen fühle ich mich schon etwas einsam. Es ist jetzt bereits mein viertes Fest. Eigentlich sollte ich mich daran gewöhnt haben. Aber gerade an den Tagen denke ich doch an meine Familie. Verrückt. Schließlich hat mein Vater mir ziemlich deutlich genacht, dass er mich nicht mehr als seinen Sohn ansieht. Eigentlich hat er mir ja sogar die Wahl gelassen, ob ich weiterhin ein Teil der Familie sein will oder nicht. Ich müsste nur meinen abartigen Lebensstil aufgeben, schon könnte ich wieder nach Hause. Doch das kann und will ich nicht. Ich habe eine Weile gebraucht, um für mich zu akzeptieren, dass ich schwul bin. Auch wenn ich mir das nicht ausgesucht habe, ist es eben so. Ich kann und will mich nicht verstecken. Es war ein langer Weg bis dahin, aber ich habe es geschafft. Auch ohne die Unterstützung meiner Eltern.
190. Ich komme näher. Es ist schon fast fünf Uhr. Ich möchte ungern zu spät kommen.
Die letzte heile Familie für heute. Danach bin ich den Rest der Feiertage allein. Ein kleines bisschen hatte ich gehofft, dass Sven doch noch Zeit für mich hat. Wir treffen uns nun schon seit fast einem Jahr regelmäßig und ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass wir auch Weihnachten zusammen feiern. Es hat mich ziemlich getroffen, als er mir letzte Woche eröffnet hat, dass er die ganzen Feiertage nicht kann. Natürlich geht die Familie vor, aber es tut trotzdem ein bisschen weh.
193 und 195. Es geht einen Durchgang entlang. Wunderbar. Parkplätze gibt es hier wenig. Egal. Der Weihnachtsmann darf auch mal halblegal parken. Legen wir die 5-m-Regel mal großzügig aus. Bart anlegen, Mütze aufsetzen und dann den Spickzettel noch einmal durchlesen, während es mit schnellen Schritten den eisigen Weg entlang geht. Drei Kinder, zwei Jungs und ein Mädchen. Drei, vier und sechs Jahre alt. Kim, das Mädchen, ist die Älteste, dann kommt Leon und der Kleine heißt Yannick. Für jedes Kind sind noch ein paar Stichworte notiert. Schließlich bin ich der Weihnachtsmann und der weiß alles!
195 m … n … o … p. Hier ist es. Ein schneller Blick auf das Handy zeigt mir, dass ich noch pünktlich bin. Wie versprochen steht der Sack mit den Geschenken in dem kleinen Schuppen in der Ecke des Vorgartens. Wenn ich sehe, wie viele Geschenke hier wieder verpackt worden sind, wird mir ganz anders. Der Sack ist genauso groß und voll wie heute Morgen, als ich ehrenamtlich im Kinderheim war, um die Kinder zu bescheren. Da hat jeder ein kleines Geschenk bekommen und dennoch haben sich die Kleinen gefreut wie die Schneekönige. Hier hingegen gibt es wieder Geschenke im Überfluss. Aber so ist wohl der Lauf der Welt heutzutage.
Ding dong ... ding dong … ding dong
Die Tür öffnet sich und eine ältere Dame begrüßt mich. Sicher die Oma der Kinder.
„Schaut doch mal her“, ruft sie laut in das angrenzende Zimmer, aus dem lautes Geplapper dringt. Sofort erscheint ein neugieriger Kinderkopf im Türrahmen. Ich nehme an, dass es Leon ist. Als er mich sieht, rennt er gleich wieder weg. „… wen ich hier mitgebracht habe“, vollendet die Oma den Satz und schiebt mich vor sich her in das große Wohnzimmer. Dort sitzt wohl die ganze Familie beisammen. Kinder, Eltern und Großeltern. Am bunt geschmückten Weihnachtsbaum brennt die Lichterkette als einzige Lichterquelle. Im Hintergrund läuft leise Weihnachtsmusik.
„Wisst ihr denn, wer ich bin?“, frage ich mit meiner tiefen Weihnachtsmannstimme und lasse den Blick langsam über die Anwesenden gleiten. Die beiden Kleinen haben sich zu Mama und Oma auf die Couch verzogen, während die Große auf Papas Schoß sitzt.
Papas Schoß? Papa? Mein Herz setzt urplötzlich aus mit dem Schlagen. Der Sack rutscht mir aus der Hand und fällt auf den Boden. Durch das Geräusch komme ich wieder zu mir. Doch auch das Zukneifen der Augen hilft mir nicht weiter. Der Typ dort, der eindeutig der Vater der Kinder ist, das ist Sven. Mein Sven. Der erste Mann, mit dem ich mir eine Beziehung vorstellen konnte. Mit dem ich insgeheim eigentlich schon eine Beziehung geführt habe. Auch wenn wir nie darüber gesprochen haben. Aber es hat halt alles gepasst. Wir haben die gleichen Interessen und den gleichen Humor. Der Sex ist grandios. Er sieht toll aus. Mit ihm will ich den Rest meines Lebens verbringen. Dachte ich zumindest bis eben. Er schaut mich an. Lächelt mich an. Als ob nichts geschehen wäre. Mir kommt gleich mein Frühstück wieder hoch. Zum Glück habe ich seit dem nichts mehr gegessen. Sonst könnte ich für nichts garantieren. Am liebsten würde ich auf der Stelle umkehren, aber das kann ich den Kindern nicht antun. Sie würden für immer den Glauben an den Weihnachtsmann verlieren. Also zwinge ich mich dazu, mich wieder zu konzentrieren. Nur noch diese Bescherung, dann habe ich Feierabend. Zum Glück hat meine Stammkneipe auch am Heiligabend geöffnet. Ab 18 Uhr. Passt ja hervorragend. Wird wohl mein erstes Fest im Vollrausch werden. Keine Ahnung, was armseliger ist. Einsam zu sein oder besoffen und einsam zu sein.
„Hast du auch Geschenke für uns mit?“
Die Stimme des Mädchens reißt mich aus meiner Lethargie. Sie steht plötzlich neben mir und zupft an meiner Jacke. Ich muss nur noch diese paar Minuten durchstehen. Dann kann ich mich meinem Kummer hingeben. Was hatte damals schon immer der Typ in der Schule gesagt, der unseren Theaterkurs geleitet hat? „Blende deine Gedanken einfach aus und spiele deine Rolle…“ Meine Rolle ist der Weihnachtsmann. Das muss doch hinzubekommen sein.
„Wenn du artig gewesen bist, habe ich auch etwas für dich in meinem großen Sack“, sage ich. „Du bist Kim, nicht wahr?“
Die Kleine nickt. „Kim Winter“, meint sie, „ich bin auch immer artig gewesen.“
Wenn ich eine Bestätigung gebraucht hätte, hätte ich sie jetzt bekommen. Winter. Klar, Sven Winter. Toll. Verheiratet ist er also auch. War wahrscheinlich alles ein so unwichtiges Detail, das es nicht wert war, erwähnt zu werden, wenn er sich mit mir in den Laken wälzte. Ich atme tief ein und aus und rufe mich innerlich zur Ruhe. Ich bin der Weihnachtsmann und nicht Torben Schäfer, der größte Idiot auf Gottes Planeten.
„So, so, du bist also immer artig gewesen“, wiederhole ich mit meiner tiefen Stimme, „können das denn deine Eltern und deine Geschwister auch bestätigen?“
Die Kleine weicht ein wenig zurück und guckt sich ängstlich zu ihrem Vater, doch bevor der ihr zustimmen kann, rede ich schon weiter.
„Aber ich glaube, du hast recht. Die meiste Zeit jedenfalls warst du wohl recht lieb. Ich habe nur gehört, dass du manchmal deine kleinen Brüder ziemlich ärgerst. Das ist nicht nett. Schließlich bist du die Älteste und Vernünftigste.“
„Leon ärgert mich aber auch immer“, verteidigt sich die Kleine mit einem trotzigen Schmollmund. Dennoch ist ihr der Respekt vor dem Weihnachtsmann nicht abzusprechen. Was ein Kostüm so ausmachen kann.
„Dann wollen wir doch mal sehen, ob ich in meinem großen Sack ein Geschenk für dich habe. Hast du denn auch ein kleiner Gedicht gelernt?“
Stolz baut das Mädchen sich vor mir auf und beginnt, ein Gedicht aufzusagen. Die Kleine ist niedlich. Unter anderen Umständen würde ich sie sicher mögen. Ich mag Kinder, auch wenn ich wahrscheinlich selbst nie welche haben werde.
„Das war sehr schön“, lobe ich sie und reiche ihr feierlich das große Paket, das mit ihrem Namen versehen in dem Sack steckte. „Dann wollen wir mal sehen, ob für deine Brüder auch etwas da ist.“
Die kleinen Jungs kuscheln sich ängstlich an ihre Mutter. Sie wenden schüchtern den Blick ab, als ich mich ihnen zuwende. Die Mutter spricht leise auf die beiden ein und schiebt sie behutsam in meine Richtung. Hand in Hand kommen die Zwerge ein Stück näher. Ich gehe in die Hocke, um ihnen näher zu sein. Mit diesem dicken Bauch ist das gar nicht so einfach. „Du bist Leon, nicht wahr?“, begrüße ich den Größeren, „und du Yannick.“ Sie nicken beide stumm.
Für die Kleinen ist es nicht einfach schon etwas aufzusagen. Aber mit ein wenig gutem Zureden fangen sie an, ein Weihnachtslied zu singen. Süß! Die Stimmen klingen hell und klar. Mein Blick wandert von den beiden Jungs vor mir über den Rest der Familie. Sie schauen aufmerksam zu. Alle lächeln. Auch Sven. Am liebsten würde ich ihm hier vor seiner Familie eine handfeste Szene machen. Er tut noch immer so, als würde er mich nicht kennen. Ich bin wütend und dennoch tut es mir weh. Mein Herz zieht sich zusammen und einen Moment habe ich Angst, keine Luft mehr zu bekommen. Ich atme bewusst tief ein und aus und versuche, den dicken Kloß hinunterzuschlucken, der sich in meinem Hals verfangen hat. Wut wäre sicher einfacher. Leider überwiegt der Schmerz. Immerhin gelingt es mir, den verdächtigen Druck in meinen Augen zu überwinden. Ich werde jetzt nicht anfangen zu heulen. Nicht hier. Nicht vor ihm und seiner Familie. Obwohl er es verdient hätte.
„Sehr gut, sehr gut“, lobe ich den Gesang und krame etwas länger als unbedingt nötig in dem Sack herum. „Für Leon“, reiche ich dem aufgeregten Jungen sein Geschenk, „und für Yannick …“
Die Kinder sind mit ihren ersten Geschenken beschäftigt. Nun wende ich mich erst einmal den Erwachsenen zu. Es geht erstaunlicherweise ganz gut. Ein Paket nach dem anderen nehme ich aus dem Sack und suche den Empfänger. Silke. So heißt seine Frau. Sven und Silke Winter. Welche Idylle! Mit einem freundlichen Lächeln nimmt Silke mir das Paket aus der Hand. Sie sieht offen und ehrlich aus. Sie scheint vom Doppelleben ihres Mannes wirklich keinen blassen Schimmer zu haben. Arme Frau!
Marco. Eigentlich haben doch alle schon ein Geschenk bekommen. Außer ihm. Sven.
„Marco“, rufe ich laut und blicke in die Runde.
Warum verwundert es mich nicht, dass Sven sich erhebt und mir entgegen kommt.
„Das bin ich“, ruft er mit seiner Stimme, die mir jedes Mal wieder einen wohligen Schauer über den Rücken jagt und mir auch jetzt ein Kribbeln im Bauch einbringt. „Leider kann ich weder singen noch ein Gedicht. Ich hoffe, ich bekomme trotzdem ein Geschenk von dir, Weihnachtsmann!“
Mein Körper sendet mir all die Signale von Verliebtheit und doch ist das alles andere als ein Treffen unter Liebenden. Ich sehe sein lächelndes Gesicht und merke, wie die Wut immer mehr in mir hochsteigt. Ich muss hier raus. Schnellstmöglich. Marco. Nicht einmal seinen richtigen Namen hat er mir genannt, als wir uns kennenlernten. Auf jeden Fall ist er der perfekte Schauspieler.Freundlich und jovial nimmt er mir das Paket ab und bedankt sich.
Ich habe es auf einmal eilig. Ich verabschiede mich mit ein paar guten Wünschen von den Kindern und den Erwachsenen. Ungeduldig warte ich im Flur auf meine Bezahlung. Wenn ich das Geld nicht so dringend bräuchte, würde ich darauf verzichten. Die Tür geht auf. Ausgerechnet er. Er streckt mir das Geld entgegen und dankt mir noch einmal. Freundlich, aber vollkommen unpersönlich. Gefangen in seiner Rolle als braver Familienvater. Allein mit ihm siegt die Wut über all die anderen Gefühle, die in mir toben.
„Du kannst dein blödes Spiel ruhig durchhalten, Marco …“ Ich spucke den Namen geradezu aus. „… tu so, als würdest du mich nicht kennen, du Arschloch …“ Ich muss mich echt beherrschen, nicht zu schreien. Aber heute ist Heiligabend. Da gibt es keine offene Szene unterm Weihnachtsbaum. Ich will hier nur noch weg. „…blödes, verlogenes Arschloch“, gifte ich, „vergiss alles, was ich mal zu dir gesagt habe.“
Ich mache auf dem Absatz kehrt und reiße die Tür auf. Das erstaunte Gesicht bekomme ich noch aus dem Augenwinkel mit. Er ruft mir etwas nach, will mich zurückhalten, aber ich falle in einen Laufschritt, bis ich bei meinem Auto angelangt bin. Zitternd stecke ich den Schlüssel ins Zündschloss und starte den Wagen. Er kommt mir nach, steht winkend vor dem Haus. Doch ich fahre mit quietschenden Reifen los. Die Tränen, die meinen Blick nun endgültig verschleiern, blinzele ich weg. Ich bin viel zu schnell unterwegs. Das weiß ich. Aber die Polizei wird hoffentlich ein Einsehen haben und heute keine Radarkontrollen machen. Wer will außerdem den Weihnachtsmann verurteilen?

„Noch einen“, rufe ich Sandra zu, die heute Dienst im „Stübchen“ hat. Was bin ich froh, dass meine Stammkneipe wenigstens geöffnet ist heute. Außer mir hat es zwar nur zwei ältere Männer hierher verschlagen, aber alles ist besser, als jetzt allein zuhause zu sitzen. Mein Nachbar am Tresen versucht, sich mit mir zu unterhalten, aber ich habe keine Lust auf Konversation. Ich will Alkohol Wenn das das erste Weihnachtsfest im Vollrausch wird, dann ist es eben so. Fünf Tequila habe ich schon und langsam merke ich die Wirkung. Zumal ich kaum etwas gegessen habe den ganzen Tag. Aber ich habe ja zwei Tage Zeit zum Ausnüchtern. „Noch einen“, wiederhole ich ungeduldig und schiebe mein leeres Glas zu der Bedienung hinüber. Ich kenne Sandra schon ziemlich lange. Sie arbeitet schon ein paar Jahre hier. Wir verstehen uns gut. Sie hat mir heute gleich angesehen, dass etwas passiert sein muss. Aber sie hat keine weiteren Fragen gestellt. Dabei muss es ein Bild für Götter sein, wenn ein Weihnachtsmann sich volllaufen lässt. Nun ja, nur noch ein halber Weihnachtsmann, denn den Bart und die Perücke mit Mütze habe ich dann doch abgelegt.
„Mach mal eine Pause“, sagt Sandra und stellt mir eine Cola und ein Sandwich vor die Nase, „willst du mir nicht sagen, was los ist? Da muss doch etwas passiert sein bei dir.“
Vehement schüttle ich den Kopf. „Noch `nen Schnaps“, fordere ich trotzig, „kann dir doch egal sein.“
„Ist es aber nicht, Torben“, sagt Sandra mit leiser Stimme. „Heute ist Weihnachten. Allein die Tatsache, dass du hier bist und dich besäufst, finde ich schade.“
„Du bist doch auch hier.“
„Ich arbeite hier.“
„Weil du nichts Besseres zu tun hast an Heiligabend.“
„Iss das Brot und dann reden wir ein bisschen“, sagt sie, ohne weiter auf mich einzugehen. Die anderen Gäste verlangen ihre Aufmerksamkeit. Ich sträube mich zunächst noch etwas, doch dann beiße ich in das Sandwich. Eigentlich habe ich schon ein bisschen Hunger und ich weiß, dass es mir besser bekommt.
Schließlich kommt Sandra zu mir zurück. Sie drängt mich nicht, aber mit einem Mal sprudelt es nur so aus mir heraus. Am Anfang noch ein bisschen zögerlich, doch dann immer mehr. Sandra kann sich sogar noch an Sven erinnern, weil wir schon ein paar Mal gemeinsam hier waren. Es tut gut zu reden. Ich merke, dass ich mich langsam beruhige. Auch wenn ich noch immer wütend bin und enttäuscht.
„Hier bist du! Endlich habe ich dich gefunden!“
Die Stimme. Sven. Nein, Marco. Er wagt es tatsächlich, hier aufzutauchen. Ich drehe mich um und schaue ihn an. Er hat sich umgezogen. Jetzt sieht er nicht mehr aus wie der brave Familienvater Marco an Weihnachten, jetzt ist er wieder mein Sven. Nein, nicht mein Sven. Es gibt keinen „meinen Sven“ mehr. Zum einen, weil er gar nicht Sven heißt und weil ich nicht bereit bin, meinen Freund zu teilen mit einer Familie. Egal ob ich ihn liebe oder nicht. Auch wenn es gerade beschissen wehtut.
„Ich muss dir was erklären, Torben“, sagt Sven, indem er sich neben mich auf den Barhocker setzt. Als er mich anfassen will, rücke ich ein Stück von ihm weg.
„Was gibt es da zu erklären?“, frage ich wütend, „Marco …“ Ich spucke ihm seinen richtigen Namen fast ins Gesicht. „Ich habe dir alles gesagt, was zu sagen war. Ich habe mich eben sehr in dir getäuscht.“
„Es ist nicht so wie es scheint, Torben.“
Verdammt, wie kann man so ruhig bleiben wie er. Na klar, weil die großen Gefühle, die er mir vorgespielt hat, eben nur Show waren. Er hat ja seine Familie. Die Frau und die Kinder. Nur den Kerl für den Spaß nebenbei, den hat er jetzt nicht mehr. Auch wenn es wehtut. Aber dafür bin ich mir zu schade. Ich bin nicht der Typ für die versteckten Stunden.
„Ich bin Sven …“
„… und ich der König von China“, unterbreche ich ihn zynisch, „vergessen, dass ich dir dein Weihnachtsgeschenk selbst gegeben habe, Marco. Du bist so erbärmlich.“
Wenn es mir helfen sollte, ihn zu beschimpfen, dann tut es das nicht. Ich fühle mich genauso beschissen wie vorher.
„Ich bin wirklich Sven“, behauptet er bestimmt. Er nimmt meinen Kopf in seine Hände und zwingt mich, ihm ins Gesicht zu sehen. „Marco ist mein Bruder. Mein Zwillingsbruder. Wir sind eineiige Zwillinge. Du warst bei meinen Eltern zuhause und hast fast meine ganze Familie kennengelernt.“
Ich lache etwas hysterisch auf. Wenn ich ihn so höre, möchte ich ihm fast glauben. Wenn es nicht so unglaublich wäre. Wenn ich ihn nicht selbst im Kreis seiner Familie erlebt hätte. „Und wo warst du dann?“, frage ich hart, „hast du mir nicht erzählt, du feiertest mit deiner Familie. Wenn das dein Bruder war, wo warst du dann?“
„Im Stau“, sagt Sven ruhig, „hör mir einfach einmal zu, bitte.“
Widerwillig und trotzig schaue ich ihn an. Ich bleibe stumm und gebe ihm so die Möglichkeit zu reden.
„Ich habe meine Schwester aus dem Heim abgeholt“, erklärt Sven leise, „auf der Autobahn war ein Unfall und eine Vollsperrung. Ich bin erst vor einer Stunde bei meinen Eltern angekommen. Marco hat mir gleich, als ich kam, erzählt, dass der Weihnachtsmann ihn mit mir verwechselt hatte. Mir war sofort klar, dass du es warst. Ich bin sofort los, um dich zu suchen. Meine Eltern sind sicher sauer, aber du bist mir wichtiger.“ Etwas zaghaft greift er nach meiner Hand und verschränkt seine Finger mit meinen. „Du bist mir wichtiger, Torben. Viel wichtiger. Weil ich mich, verdammt noch mal in dich verliebt habe.“
Ich höre seine Worte, doch mein alkoholumnebelter Verstand braucht einen Moment, um sie auch zu verstehen. Ich möchte sie so gerne verstehen. Und glauben. Er ist in mich verliebt. Wie ich.
„Es tut mir leid, dass du das alles so erleben musstest, Torben“, meint Sven leise und küsst mich zärtlich auf den Mund. „Ich hätte dich an Weihnachten nicht allein lassen dürfen. Schließlich weiß ich doch, dass du keine Familie hast zum Feiern. Ich hoffe, du verzeihst mir.“
Seine Hand liegt in meinem Nacken und zieht mich näher an sich heran. Ich rieche Sven und ich schmecke seine Lippen. Spätestens jetzt ist der letzte Rest meines Widerstands gebrochen. Mein Herz pocht wie verrückt und in meinem Bauch flattern die Schmetterlinge los. Seine Lippen schmiegen sich sanft auf meinen Mund und seine Zunge teilt meine Lippen. Nur zu gern lasse ich ihn hinein in meine Mundhöhle. Mal zärtlich, mal hart presst er sich gegen mich. Wir vergessen alles um mich herum und trotz meines Zustandes merke ich, wie mein Körper auf die Zärtlichkeiten reagiert, Erst das leise Räuspern Sandras lässt uns stoppen.
„Ihr solltet wohl lieber nach Hause gehen, Jungs“, sagt sie lachend, „fröhliche Weihnachten.“

„Natürlich kommst du mit, keine Widerrede.“
Sven küsst mich zärtlich, bevor er seinen Kopf auf den Unterarm abstützt und auf mich herabsieht. Ich bin hin und hergerissen und weiß nicht, was ich tun soll. Ich bin aufgeregt. Die Nacht, die wir beide hinter uns haben, sollte doch eigentlich Beweis genug sein, dass es ein „uns“ gibt. Noch immer kleben vertrocknete Reste unseres Spermas auf meinem Bauch und in meinem Schlafzimmer riecht es nach Sex.
Eigentlich war es gestern Abend keine Frage mehr, was wir tun. Nachdem Sandra uns mehr oder weniger rausgeworfen hat und wir unter dem Applaus der anderen Gäste gegangen waren, hat uns der Weg direkt in meine Wohnung geführt. Daran gab es keinen Zweifel.
Ausgehungert sind wir übereinander hergefallen. Den Weg von der Wohnungstür bis zum Schlafzimmer säumen unsere Sachen und die erste Welle des Orgasmus überkam mich kurz nachdem wir gemeinsam aufs Bett gefallen sind. Die Müdigkeit und der Schwips waren wie weggeblasen und wir haben uns gegenseitig auf jede erdenkliche Weise verwöhnt. Worte waren erst mal genug gewechselt und so haben wir beide Taten sprechen lassen bis wir erschöpft eingeschlafen sind.
Vor einer guten Stunde wurde ich von Sven auf liebevolle Weise geweckt. Liebevoll allein trifft es nicht ganz. Als ich von seinem Tun erwachte, steckte mein harter Schwanz schon in seinem Mund und ich war kurz davor, mich in ihm zu entladen. Erst danach hat Sven mir eröffnet, dass er mich heute mitnehmen will zu seiner Familie.
Es ist der erste Weihnachtsfeiertag und ich bin schuld, dass Sven den Heiligabend nicht im Kreis seiner Familie feiern konnte. Weil er sofort nach seiner Ankunft wieder losgefahren ist, um mich zu suchen. Weil ich ihm wichtiger war als seine Familie.
Er hat mir viel von seiner Familie erzählt, während wir eng aneinander gekuschelt in meinem Bett lagen heute Nacht. Von seinen Eltern, die ihn lieben, obwohl er ihnen gesagt hat, dass er schwul ist. Von seinem Zwillingsbruder Marco und dessen Familie. Und von seiner Schwester Carina, die fünf Jahre jünger ist als die Jungs und schwerstbehindert. Sie lebt in einem Pflegeheim knapp zwei Autostunden entfernt, aber zu den Feiertagen holt man sie immer nach Hause zurück. Auf der Fahrt war Sven gestern steckengeblieben und deshalb zur Bescherung nicht da gewesen. Sonst wäre es gar nicht zu den Missverständnissen gekommen.
Heute will er mich mitnehmen zum Essen zu seinen Eltern. Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll. Ich bin nervös. Extrem nervös. Ich bin noch nie zu den Eltern meiner Freunde eingeladen worden. Zumal ich sie ja im gewissen Maße schon kenne nach dem gestrigen Tag. Wobei ich mich immer noch schäme, wenn ich an meinen Abgang gestern denke.
„Du brauchst keine Angst zu haben, Torben“, sagt Sven liebevoll, „meine Eltern werden dich lieben.“
„Nach dem Auftritt von gestern bezweifle ich das“, meine ich zaghaft. Doch die beruhigenden Worte und die zärtlichen Gesten meines Freundes helfen mir zumindest, mich mit dem Gedanken anzufreunden.
Mein Freund. Es ist ein schöner Gedanke, Sven als meinen Freund zu sehen. Obwohl wir schon seit Monaten miteinander ausgehen, tanzen, lachen, miteinander schlafen, haben wir uns bisher noch nie darüber unterhalten, wie wir uns unser Leben vorstellen. Ob wir ein Paar sind im herkömmlichen Sinne. Ich hatte immer den Eindruck, dass Sven die Freiheit zu sehr liebt, um sich fest zu binden. Mir habe ich das auch immer eingeredet, dabei stimmt das nicht. Ich würde sehr gern eine feste Beziehung haben, einen Menschen, dem ich vorbehaltlos vertrauen kann und der immer für mich da ist. Ich habe nicht viele Freunde, eigentlich nur zwei, die ich wirklich so bezeichnen würde. Aber es ist doch etwas anderes, einen Freund zu haben oder einen Partner.
„Meine Eltern haben gelacht, als ich ihnen erzählt habe, dass du Marco für mich gehalten hast, und allein die Tatsache, dass mein Bruder mir gleich von deinem Auftritt erzählt hat, zeigt doch, dass sie sich denken können, wie viel du mir bedeutest. Marco war allerdings auch der einzige, dem ich schon mal von dir erzählt habe.“
Drei Stunden später parke ich tatsächlich wieder vor dem gleichen Haus wie gestern. Ich bin so aufgeregt wie seit langem nicht mehr. Ein letztes Mal zupfe ich an meinem Hemd herum. Die Entscheidung, was ich anziehen sollte, ist mir sehr schwer gefallen und Svens grinsende Bemerkungen haben mir auch nicht viel weiter geholfen. Dabei gab es gar nicht so viel Auswahl. Ich besitze nur einen Anzug und drei Hemden. Jeans und Shirt fielen von Beginn an heraus. Schließlich ist Feiertag und ich bin zum ersten Mal bei den Eltern meines Freundes eingeladen. Aber die Entscheidung, welches Hemd, mit oder ohne Krawatte. Die Haare offen oder mit Gel oder Haarreif. So viele Gedanken habe ich mir noch nie gemacht. Mir war es aber auch noch nie so wichtig, einen guten Eindruck zu machen. Gerade weil ich gestern wutschnaubend abgefahren bin.
Sven gibt mir einen flüchtigen Kuss und drückt auf die Klingel. Er lächelt mich aufmunternd an und hält meine Hand fest mit seiner verschränkt. Das gibt mir ein wenig Halt, denn meine Knie sind ganz schön wackelig, als ich die Schritte auf der anderen Seite der Tür höre, kurz bevor diese sich öffnet und Svens Mutter mit einem Lächeln vor uns steht.
„Herr Schäfer, nicht wahr“, sagt sie lächelnd und reicht mir die Hand, „kommen Sie doch herein und fühlen Sie sich wie zuhause. Wir freuen uns, dass Sven uns endlich mal einen Freund vorstellt.“
Ich nicke etwas dämlich und schlucke den Kloß herunter, der in meinem Hals feststeckt. Stumm schüttele ich die angebotene Hand, während Sven sich an mir vorbeidrängt, seiner Mutter einen Kuss auf die Wange gibt und mich dann hinter sich herzieht.
„Du kannst ruhig Torben und du sagen, Mama“, sagt er und dreht sich dann zu mir, um sich die Bestätigung zu holen, „nicht wahr? Du hast doch nichts dagegen. Das ist sonst so eine megasteife Veranstaltung heute.“
„Na … natürlich“, stammele ich leise, „das ist in Ordnung.“
„Gut“, meint Svens Mutter mit einem breiten Lächeln, „dann also Torben. Ich bin Gaby. Willkommen bei uns!“
Im Wohnzimmer warten auch Walter und Carina auf uns. Es ist ein komisches Gefühl, hier so nett aufgenommen zu werden. Ich fühle mich sofort als Teil der Familie. Nachdem sein Vater mich begrüßt hat, stellt Sven mir stolz seine Schwester vor. Sie liegt festgeschnallt in ihrem Elektrorollstuhl, der eine Kombination aus Stuhl und Bett ist. Sie kann nicht reden und nicht laufen, aber selbst mir fällt auf, dass sie anfängt zu strahlen, als sie Svens Stimme hört und ihn neben sich entdeckt. Er spricht sanft und liebevoll mit ihr und sie schenkt ihm ein Lächeln als Antwort. Die Geräusche, die sie von sich gibt, sind für mich undefinierbar, aber Sven scheint etwas zu verstehen, denn er antwortet ihr darauf.
„Du kannst ihr ruhig die Hand schütteln“, erklärt er mir, „sie krampft immer etwas, aber sie mag es, wenn man sie berührt.“
Etwas zaghaft greife ich nach der gekrampften Hand und sage ein leises „Hallo, Carina.“
Die Hirnschädigung ist die Folge eines Geburtsfehlers. Große Teile ihres Gehirns waren zu lange nicht mehr durchblutet gewesen, weil die Geburt zu lange dauerte und die Ärzte falsch reagierten. Zwar war das Krankenhaus später zur Zahlung einer Entschädigung verurteilt worden, aber das wog die Folgen der Schädigung natürlich nicht auf. Die ersten fünfzehn Jahre hatte Carina bei ihrer Familie gelebt, aber dann war die Belastung für die Familie zu groß geworden. Nachdem Sven und Marco ausgezogen waren, hatte die Last der Pflege nur auf der Schulter der Mutter gelegen und diese an den Rand ihrer Belastbarkeit gebracht. So hatte die Familie schweren Herzens beschlossen, Carina in ein Heim zu bringen. Dort besuchte sie jeder aus der Familie einmal in der Woche und zu den Feiertagen holten sie sie zu sich nach Hause.
„Sie mag dich“, meint Sven neben mir, „sonst hätte sie längst weggeschaut.“
Ich fühle mich ein wenig unsicher, weil ich keinerlei Erfahrung mit solchen Behinderungen habe. Aber ich bewundere Sven für den liebevollen Umgang mit seiner Schwester. Er streichelt ihr den Kopf und flüstert ihr liebevoll ins Ohr, während ich mich neben ihn setze und die beiden beobachte.
„Ich hoffe, du isst gerne Gans“, meint plötzlich Svens Mutter, bevor sie wieder in die Küche geht. „Das ist nämlich traditionell unser Essen am ersten Weihnachtsfeiertag. Svennie liebt das. Normalerweise spekuliert er immer darauf, die Reste mit nach Hause nehmen zu können, aber heute hat er dich ja dafür mitgebracht.“
Es dauert wirklich nicht lange bis die Spannung von mir abfällt und ich mich im Kreise von Svens Familie wohl fühle. Natürlich sind sie ein bisschen neugierig und fragen uns aus. Wie wir uns kennen gelernt haben und was ich so mache. Sven hat seine Eltern wohl auch ziemlich mit der Ankündigung überrascht, einen Freund zu haben, den er einladen will. Aber die Fragen zeugen von ehrlichem Interesse und sind keine blanke Neugier. Deshalb ist es auch kein Problem, sie ehrlich zu beantworten.
Das Essen schmeckt wunderbar und ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich so etwas Gutes gegessen habe. Wahrscheinlich zuhause bei meinen Eltern. Meine Mutter kann sehr gut kochen und ich ärgere mich noch heute sehr, dass ich mich dafür damals rein gar nicht interessiert habe, als ich noch zuhause gewohnt habe.
Während des Essens sitzt Sven neben seiner Schwester und füttert sie mit kleinen Bissen. Die Art und Weise, in der er mit ihr umgeht, zeugt von der Liebe und dem Respekt, den er ihr entgegenbringt. Obwohl sie nicht dem Ideal entspricht, dem Menschen immer gern entsprechen wollen. Mir zeigt es aber umso mehr, dass ich mich in den richtigen Menschen verliebt habe. Inzwischen ist das keine Verliebtheit mehr. Inzwischen ist es schon Liebe.
Nach dem Essen helfe ich mit, den Tisch abzuräumen, obwohl Gaby immer wieder betont, ich sei Gast und müsse das nicht. Aber ich fühle mich wie zuhause, vielleicht sogar besser als das. Und ich habe gelernt mitzuhelfen. Umso schneller sitzen wir wieder alle beisammen. Im Hintergrund läuft leise Weihnachtsmusik. Die Lichterkette am Baum leuchtet hell und taucht den Raum in ein gemütliches Licht. Es duftet nach einer Mischung aus Gänsebraten mit Rotkohl und Apfelsinen, Zimt und Mandeln, die auf dem Weihnachtsteller liegen.
Carina ist eingeschlafen. Ihr Vater hat sie zugedeckt und ein wenig in die Ecke des Zimmers geschoben. Es ist auffällig, wie gleichmäßig liebevoll alle mit ihr umgehen.
Wie selbstverständlich hat Sven sich neben mich gesetzt und den Arm um mich herum gelegt. Mir war das erst etwas unangenehm, aber seine Eltern scheinen sich wirklich für ihn, für uns, zu freuen. Es ist ein tolles Gefühl, hier Arm in Arm mit ihm zu sitzen.
Schließlich klingelt es und das Geplapper der Kinder kündigt den Rest der Familie an. Marco, Silke und die Kinder. Ich bin gespannt, ob sie einen Verdacht haben, dass ich den Weihnachtsmann gespielt habe. Bisher hatte ich noch nie das Problem, einen meiner Kunden später wieder zu treffen. Das ist also jetzt die Stunde der Wahrheit.
Das Aufeinandertreffen mit Marco ist mir ein wenig unangenehm. Schließlich habe ich ihn ziemlich angepflaumt. Obwohl ich eigentlich dachte, er sei Sven, aber das zählt ja nicht.
„Hallo, Torben“, begrüßt mich Marco, bevor ich zu einer Entschuldigung ansetzen kann, „ich hoffe, du greifst mich heute nicht wieder unnötig an. Aber mein Bruder hat schon dafür gebüßt, dass er mir nicht genug von dir erzählt hatte.“ Er umarmt mich freundschaftlich und ich kann gar nicht anders als ihn zu mögen.
Erstaunt betrachte ich die beiden Brüder, die auch beide nebeneinander kaum zu unterscheiden sind. Zumindest äußerlich, denn an der Stimme und der Gestik sieht man dann ziemlich schnell leichte Unterschiede.
„Ich bin Silke“, stellt sich Marcos Frau vor, während ich noch versuche, die Unterschiede zwischen den Brüdern zu finden, „glaube mir, es dauert eine Weile bis du die Jungs auseinander halten kannst“, lacht sie laut.
Die Kinder halten sich wie gestern etwas zurück. Kim ist die erste, die sich näher an mich herantraut. „Du bist Svens Freund. Hat Mama gesagt. Aber ein anderer Freund als Lukas, der mein Freund ist. Sven mag dich sehr gern, hat Mama gesagt. Küsst ihr euch auch?“
Die Frage des kleinen Mädchens führt zu einem prustenden Lachanfall bei Sven und einem etwas verlegenen Herumdrucksen bei mir. Was soll ich darauf sagen?
„Na ja … ich … wir … manchmal …“
Bevor ich weiter stammeln kann, nimmt mich Sven einfach in den Arm und küsst mich. Vor den Kindern, ihren Eltern, Großeltern. Kein flüchtiger Kuss auf die Wange. Kein Hauch auf die Lippen. Sven küsst mich fest und bestimmend. Besitzergreifend. Leidenschaftlich und doch voller Zärtlichkeit und Liebe. In seinen Armen werde ich zu Wachs. Meine Knie werden weich und ich gebe mich seinem Kuss hin. Für einen kleinen Moment vergessen wir alles um mich herum. Bis der energische Ton der kleinen Kim uns wieder in die Wirklichkeit zurückholt.
„Hört jetzt endlich auf zu küssen und kommt ins Wohnzimmer. Ich will Omas Torte essen.“
So, als wäre das alles das Normalste von der Welt, zerrt sie an Sven und meinen Hosenbeinen, um uns hinter sich her ins Nachbarzimmer zu ziehen, wohin die Erwachsenen sich taktvoll zurückgezogen haben. Ich merke deutlich, wie die Röte mir ins Gesicht steigt, aber auch Svens Eltern und Marco und Silke scheinen nichts daran zu finden, was wir gerade gemacht haben.
Als wir uns zwei Stunden später voneinander verabschieden, liegt einer der schönsten Weihnachtstage meines Lebens hinter mir. Ich habe nicht nur einen festen Freund, sondern auch eine Familie bekommen.

… ein Jahr später …

Der Klingelton erinnert mich an das letzte Jahr. Auch heute ist dies mein letzter Termin. Ich habe lange überlegt, ob ich ihn wirklich wahrnehmen soll. Ob ich an Heiligabend wieder in mein Weihnachtsmannkostüm klettern möchte, war für mich keine Frage, auch wenn es zu einem kleinen Streit mit meinem Freund geführt hat. Er will einfach nicht verstehen, dass dieser Job mehr ist als reines Geldverdienen. Es macht Spaß, das Glitzern in den Kinderaugen zu sehen. Die Kleinen zeigen ihre Freunde noch unverblümt und ehrlich.
Die Agentur wollte mich noch zu zwei weiteren Familien schicken, aber da habe ich abgelehnt, denn zum ersten Mal seit dem Rausschmiss von meinem Vater habe ich eine Einladung zu einer richtigen Familienfeier.
„Hallo Tor…hallo Herr Weihnachtsmann!“ Gaby begrüßt mich mit einem freundlichen Lächeln. Gerade rechtzeitig hat sie abgebrochen, denn die Kinder sind ihr neugierig in den Flur gefolgt.
Ich freue mich jedes Mal, wenn ich zu einer bekannten Familie komme und sehen kann, wie sich die Kinder im Laufe eines Jahres verändert haben. An die meisten kann ich mich tatsächlich noch erinnern.
Vier Jahre bin ich nun schon in diesem Kostüm unterwegs, aber ich war selbst beim allerersten Besuch nicht so aufgeregt wie jetzt gerade. Kommt es mir nur so vor, oder mustert Kim mich argwöhnisch? Das Mädchen ist inzwischen schließlich schon sieben Jahre alt und kommt langsam in ein Alter, in dem der Glaube an den Weihnachtsmann verschwindet.
Ich folge Svens Mutter ins Wohnzimmer, wo die Familie sitzt. Mein Blick wandert durch den Raum, bis er an meinem Freund hängenbleibt. Er sitzt neben seinem Bruder auf der Couch und hält die Hand seiner Schwester, deren Rollstuhl neben ihm steht. Er spricht leise auf sie ein. Wenn die Brüder direkt nebeneinander sitzen, ist es eigentlich gar nicht so schwer sie zu unterscheiden. Allein das Strahlen aus Svens Augen zeigt mir deutlich, wer mein Mann ist, aber seine Nase ist auch ein wenig krummer, seit er als Kind einen Unfall hatte. Ein Schönheitsfehler, der ihn nur interessanter macht.
„Können wir nicht noch ein bisschen warten?“, fragt Kim. „Torben ist doch noch nicht da und der soll auch ein Geschenk vom Weihnachtsmann bekommen.“
Ich schlucke und merke, wie die Röte in mein Gesicht schießt, während Sven hinter vorgehaltener Hand losprustet.
„Torben muss noch arbeiten und kommt erst später“, erklärt Marco seiner Tochter. „Aber ich bin sicher, dass der Weihnachtsmann ein Geschenk für ihn hat und es hierlässt, wenn er gehen muss.“
„Ich will aber, dass …“
Marco legt einen Finger auf den Mund seiner schmollenden Tochter und redet leise auf sie ein. Sven kichert leise und auch der Rest der Familie hat Mühe Haltung zu bewahren. Nur ich muss mich beherrschen.
Mein Kopf taucht in den riesigen Sack und wühlt in den Geschenken. Mit ein paar tiefen Atemzügen versuche ich mich zu beruhigen. Ich bin schließlich Weihnachtsmannprofi und werde diese Aufgabe auch bewältigen. Danach beginnt die Freizeit.
Nach und nach verteile ich die kleinen und großen Päckchen, mal mit lobenden, aber auch mal mit mahnenden Worten. Während der ganzen Prozedur spüre ich Kims Blick auf mir. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie ahnt, dass hier etwas faul ist, auch wenn sie sich nach außen nichts anmerken lässt und auch brav ihr Gedicht aufsagt.
Ganz unten in dem Sack liegt tatsächlich ein Geschenk mit meinem Namen. Ich stutze und zögere einen Moment, bevor ich das Päckchen hervorhole.
„Ich habe hier noch ein Geschenk für Torben“, sage ich, während mein Blick über die Gesichter der Familie schweift. Meinen Freund überspringe ich bewusst, denn es fällt mir unendlich schwer, die ganze Zeit so zu tun, als würden wir uns nicht kennen.
„Torben ist noch nicht da“, erklärt Kim. „Er muss noch arbeiten. Wenn du es mir gibst, werde ich ihm das Geschenk geben, wenn er kommt.“ Sie reißt mir das Päckchen förmlich aus der Hand. „Da ist ein Herzchen neben Torbens Namen“, quietscht Kim entzückt. „Guck mal, Sven.  Da mag noch jemand den Torben so wie du.“ Plötzlich verdunkelt sich ihr Blick und sie sieht mich interessiert an. „Bist du schwul, Weihnachtsmann? Liebst du den Torben auch? Das wäre ziemlich blöd, denn Torben liebt meinen Onkel Sven und der liebt ihn.“
Bevor ich eine Antwort stammeln kann, rettet Gaby die Situation. Sie schiebt mich mit ein paar Entschuldigungen in den Flur und verabschiedet mich. „Bis gleich.“
Auf dem Weg zu meinem Auto lässt mich das Geschenk mit meinem Namen nicht in Ruhe. Ich habe keinen Zweifel, von wem es ist. Das Herz allein sagt schon genug aus. Aber Sven und ich haben doch heute Morgen schon Bescherung gemacht. Glücklicherweise, denn ich hätte die glitzernde Unterhose und die Vorratspackung an Kondomen und Gleitgel wahrlich nicht vor den Augen der gesamten Familie auspacken wollen. Dagegen war das Konzertticket, das ich ihm geschenkt habe, wirklich ziemlich bieder.
Svens Wohnung ist nur drei Straßen entfernt, so dass ich beschlossen habe, mich dort umzuziehen. Schließlich leben wir sowieso meist dort. Das ist bequemer als im Auto und dauert auch nicht viel länger. Zwanzig Minuten später klingle ich erneut an der gleichen Haustür.
„Torben … endlich!“
Kim reißt die Tür auf und ehe ich mich versehe, hängen auch Leon und Yannick an meinem Hosenbein. Lachend hebe ich den Kleinsten hoch und streiche seinem Bruder über den Kopf, während Kim bereits an mir zerrt.
„Du hast auch ein Geschenk vom Weihnachtsmann“, erklärt sie. „Mit einem Herz drauf. Aber ich habe ihm gleich gesagt, dass du Onkel Sven liebst und er dich.“
Obwohl wir uns vor kurzer Zeit schon gesehen haben, spielen alle Erwachsenen mit und begrüßen mich förmlich. Mein Freund nimmt mich in den Arm und küsst mich stürmisch. Auch nach einem Jahr ist es für mich immer noch seltsam, wie offen und ungezwungen er mit unserer Liebe im Kreis seiner Familie umgeht. Für einen Augenblick gibt es nur uns und die Anspannung fällt vollends von mir ab.
„Hier ist das Geschenk, Torben. Du musst es auspacken“, verlangt Kim energisch. „Schade, dass du nicht da warst, als der Weihnachtsmann es gebracht hat.“
Mit zitternden Finger öffne ich die Schleife und löse die Klebestreifen.
„Du brauchst keine Angst zu haben“, flüstert Sven in mein Ohr, bevor er genüsslich das Ohrläppchen in den Mund nimmt und daran saugt. „Es ist nicht peinlich.“
Vorsichtig wickle ich das Paket aus und finde den Pullover, den ich neulich so toll fand, als wir zusammen shoppen waren. Er war zu teuer und am Ende siegte die Vernunft über die Sehnsucht. Es gibt viele Dinge, die wichtiger sind als ein neuer Pullover, wenn man auf sein Geld aufpassen muss.
„Du bist verrückt!“ Strahlend falle ich meinem Freund um den Hals. Vielleicht sollte ich ein schlechtes Gewissen haben, aber ich weiß, dass er sich den Preis leisten kann und deshalb freue ich mich einfach nur. „Danke.“
„Zieh ihn an. Er sieht toll an dir aus.“ Sven küsst mich erneut und lässt sich dann schmunzelnd wieder auf die Couch fallen. Schnell schlüpfe ich in den Pullover und drehe mich einmal um die eigene Achse. „Viel lieber würde ich dich allerdings wieder ausziehen …“
Ich werde rot und freue mich, dass Gaby uns zum Essen an den Tisch ruft. Nach dem Dessert ziehen die Kinder mich in die Ecke, in der ihre Geschenke liegen. Ich muss alles ausgiebig begutachten und sie nehmen mir das Versprechen ab, mit ihnen zu spielen, wenn wir uns das nächste Mal sehen. Die beiden Kleinen werden langsam müde und sollen ins Bett, damit die Erwachsenen noch ein Weilchen miteinander reden können. Kim besteht darauf, dass ich sie ins Bett bringe.
„Ich weiß, dass du unser Weihnachtsmann warst“, zischt sie mir ins Ohr. „Yanni und Leo sind zu klein und blöd, aber ich weiß das.“
„Woher?“, frage ich leise zurück, da ich genau weiß, dass Leugnen zwecklos ist.
„Deine Schuhe. Du hast die gleichen Schuhe an wie der Weihnachtsmann. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass du dem Weihnachtsmann dein Auto borgst. Ich habe genau gesehen, wie du eingestiegen bist.“
Daran hatte ich nicht gedacht. „Danke, dass du mich nicht verraten hast.“
„Ich bin doch schon groß und ich petze nicht.“ Das Mädchen springt mir in die Arme und gibt mir einen dicken Kuss auf die Wange. „Außerdem finde ich es lustig, dass die Erwachsenen immer so tun, als glaubten sie an dich.“ Ich muss schmunzeln. „Aber ich mag dich als Torben noch lieber. Seit er mit dir zusammen ist, ist Onkel Sven viel lustiger.“

Als die Kinder endlich alle im Bett sind, sitzen wir im Kreise der Familie noch eine Weile zusammen. Svens Arm liegt auf meiner Schulter und streichelt mich unablässig. Ich genieße es, auch wenn ich mich schon auf den Augenblick freue, an dem wir allein sind. Die Wehmut, die an den Feiertagen lange Zeit mein Denken bestimmt hat, ist weg. Svens Familie hat mich ohne Vorbehalte in ihren Kreis aufgenommen. Sie ist jetzt meine Familie.

oooooOOOOOOOooooo

Da die Weihnachtszeit auch eine Zeit der Geschenke ist, soll es heute neben der kleinen Geschichte noch die Möglichkeit für einen Gewinn für euch geben.

Hier habt ihr ein paar Namen, schafft ihr die richtigen Paare zusammen zu stellen?
Jeder, der mindestens zwei Paare richtig nennt, hüpft in den Lostopf und kann sich dann über einen signierten Print nach Wahl freuen.

Andreas   Tobi   Martin   Tom   Erik   Florian   Mirko   Christian   Gregor   Tim

Habt ihr ein Lieblingspaar davon?

Morgen geht es weiter bei France Carol .

Montag, 9. März 2015

Liebster Award

Ich wurde von Karo Stein nominiert und darf nun auch am "Liebster Award" teilnehmen. Vielen Dank für die Nominierung!
Was ist der "Liebster Award"?
Es geht darum, 11 Fragen des Nominierers zu beantworten und im Gegenzug dafür weitere Blogger zu nominieren und ihnen ebenfalls 11 Fragen zu stellen.
Das Ganze dient dem Networking und dem Kennenlernen neuer Seiten, Blogs und vllt. sogar Freunden... :)





Die Spielregeln:
• Bedanke dich bei dem Autor/Blogger, der dich nominiert hat, und verlinke seine Website/seinen Blog.
• Verwende das Awardbild.
• Beantworte die 11 Fragen, die man dir gestellt hat.
• Formuliere im Anschluss daran 11 neue Fragen.
• Nominiere bis zu 11 weitere Autoren/Blogs und bitte darum, deine Fragen zu beantworten.
• Informiere die Nominierten natürlich über ihr Glück.
Los geht es:

1. Welche Rolle spielten Bücher in deiner Kindheit?
Bücher spielen bei mir schon von frühester Jugend eine große Rolle. Als ich klein war, war die Ablenkung durch andere Dinge noch nicht so groß und die liebste Beschäftigung war bei mir früh das Lesen. Nur meine Lesegewohnheiten haben sich über die Jahre und Jahrzehnte natürlich gewandelt und auch das Medium. Denn leider muss ich zugeben, dass inzwischen mein Kindle das Papierbuch schon verdrängt hat. Ein "richtiges" Buch stelle ich mir nur noch aus Sentimentalität ins Regal. (Wir haben allerdings immer noch sehr viele, auch neue, weil der Rest meiner Familie noch immer auf Papier schwört).

2. Träumst du von deinen Geschichten? Und wenn ja, stehst du auch nachts auf, um weiterzuschreiben?Ich träume mich oft mit meinen Geschichten in den Schlaf. Gerade wenn ich an einer Stelle bin, die schwierig ist und nicht vorangehen will, sinniere ich beim Einschlafen über den Fortgang der Geschichte. Nachts aufgestanden, um etwas zu notieren, bin ich allerdings noch nicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Meist schlafe ich nur viel zu tief dafür...

3. Was bedeutet Männlichkeit für dich?
Eine sehr schwierige Frage, die ich auch nach einigem Nachdenken kaum beantworten kann. Männlichkeit definiert sich für mich nur als Zusammenspiel vieler kleinerer Dinge. Dazu gehören Statur, Auftreten und Stimme genauso wie Geruch... Ich weiß wirklich nicht, wie ich diese Frage erschöpfende beantworten soll.

4. Denkst du beim Schreiben über Klischees nach?
Beim Schreiben selbst eigentlich nicht. Jeder Mensch erfüllt in meinen Augen irgendwelche Klischees und ich finde es gerade spannend zu ergründen, wer das eine oder das andere erfüllt ... alle anderen, die dazugehören, um ihn in eine einzige Schublade zu pressen, aber nicht. Seltsamerweise stellt man, so empfinde ich es zumindest, Autoren im Gay Bereich diese Frage viel häufiger als in anderen Bereichen. Dabei gibt es in allen Sparten bestimmte Klischees. Welche Frau kann sich selbst in der Rolle einer normalen M/F-Liebesgeschichte schon wiederfinden? Da gibt es in meinen Augen genauso viele Klischees, die die Protagonisten erfüllen müssen, um ins Raster zu passen.

5. Welche Rolle spielen Frauen in deinen Geschichten?
Ich bin eine Frau und kein schwuler Mann. Deshalb bin ich naiv genug zu glauben, dass auch das Umfeld eines schwulen Mannes nicht nur aus schwulen Männern besteht. Neben der (Achtung: Klischee!) besten Freundin wird es noch andere Frauen (Mutter, Schwester, Kollegin, Freundin) geben, ebenso wie es (so  hoffe ich es zumindest) neben schwulen auch hetero Männer als Freunde gibt. Die Gesellschaft ist bunt und so sollte es auch das Umfeld eines jeden Menschen sein. In meinen Geschichten grenze ich jedenfalls keine Gruppe aus (weder nach Geschlecht, Rasse oder Sexualität).

6. Wieviel Realität brauchst du in einem Buch?
Viel. Ich bin kein Fantasyfreund und habe Probleme, wenn eine Geschichte sich in diese Richtung bewegt. Meistens mag ich Bücher lieber, deren Story ich mir genauso auch vorstellen könnte. 

7. Hast du eine Vorliebe, was das Ende betrifft?
Auf jeden Fall ein glückliches Ende. Die Geschichte muss nicht mit dem Bund fürs Leben enden, aber es sollte zumindest die Aussicht auf eine gemeinsame Zukunft bestehen. Manchmal kann es den Worten nach auch offen sein, wenn der Raum für meine Fantasie noch besteht.

8. Gehörst du zu den Bücherfressern oder kannst du eine gute Geschichte in aller Ruhe 
genießen?Ich lese wohl ziemlich schnell. Das liegt sicher auch daran, dass meine "Bücherhalde" immer größer wird, weil das Angebot größer wird und die Einfachheit, sich per Klick ein neues Buch zu laden, zu verlockend ist und ich selten widerstehen kann, auch wenn noch viel Ungelesenes auf meinem Reader ist.

9. Überschreitest du beim Schreiben gern  Grenzen?
Hmm, schwer zu sagen. Mich faszinieren oft schwierige Fälle, Menschen, die nicht dem Idealbild entsprechen, dem wir zwar in unserer Fantasie gern nachhängen, das wir in der Realität aber selten finden werden. Schönheit liegt nicht nur im Sprichwort im Auge des Betrachters. Da stören weder ein paar Kilos oder Jahre zu viel oder zu wenig oder eine Behinderung irgendwelcher Art. Ein Mensch wird durch seine Gesamtheit ausgemacht. Leider geben wir uns selbst beim Kennenlernen oft nicht genug Zeit, um unser Gegenüber im Ganzen wahrzunehmen, sondern reduzieren ihn auf irgendwelche offensichtlichen Merkmale. Das ist schade und ich versuche, in diesem Punkt an mir zu arbeiten.
Ich weiß nicht, ob es das war, was dich interessiert hat, aber es  ist das, was mir eingefallen ist zu diesem Thema.

10. Was muss ein Buch haben, damit es dich fasziniert?
Ich muss mich auf jeden Fall in die Protagonisten einfühlen können. Dazu brauche ich kaum visuelle Beschreibungen, denn die Faszination des Buches im Gegensatz zum Film ist doch, dass der Leser sich selbst sein Idealbild vorstellen kann. Deshalb mag ich es gar nicht, wenn eine Szene oder ein Charakter bis ins kleinste Detail geschildert wird. Wenn die Bilder der Menschen in den Geschichten blass bleiben, kann ich meist auch der Story drumherum wenig abgewinnen. Ich bin jemand, der gern dem Hauptcharakter bei seinem Weg durch die Geschichte folgt. Deshalb muss ich ihn "greifen" können.

11. Wo siehst du dich in fünf Jahren?
Das ist eine meiner meistgehasstesten Fragen überhaupt. Kein Ahnung! Ich bin niemand, der groß in der Zukunft lebt. Wer weiß, was die noch bringen wird. Wenn etwas auf mich zukommt, werde ich mich damit arrangieren und einen Weg finden. Solche Einstellung verbaut oft den Weg in eine großartige Karriere, aber ich bin damit bisher recht gut gefahren. In fünf Jahren habe ich mir hoffentlich schon den Traum von einer Reise nach Neuseeland (Bild oben!) erfüllt und hoffentlich noch immer ein paar Ideen, um mir die Freizeit mit dem Schreiben von Geschichten zu vertreiben.
Nachdem ich die Fragen von Karo beantwortet habe, kommen hier die Dinge, die mich interessieren:

1. Liest du Bücher noch immer in Papierform oder bist du zum E-Reader umgeschwenkt?
2. In welchem Genre möchtest du unbedingt noch eine Geschichte schreiben?
3. Lockt man deiner Meinung nach mit Erotik/Sex mehr Leser an?
4. Hast du bestimmte Vorlieben für deine Charaktere (Alter, Aussehen)?
5. Was beeinflusst dich beim Erfinden neuer Stories (etwas selbst Erlebtes, eine Fernsehsendung, eine andere Geschichte)?
6. Was hältst du von einem Geflecht ineinander verzahnter Geschichten, in dem sich nach und nach eine ganze Welt aufbaut?
7. Wie viel Drama braucht ein Buch deiner Meinung nach?
8. Wie wichtig ist dir der Kontakt/Austausch mit deinen Lesern?
9. Ist es für dich wichtig zu wissen, ob der Autor männlich oder weiblich ist?
10. Tauchst du beim Schreiben in die Protagonisten deiner Geschichte ein und "erlebst" sie mit ihnen gemeinsam?
11. Brauchst du ein bestimmtes Umfeld zum Schreiben (Ruhe, Musik) oder ist es dir egal?

Ich habe nie behauptet, kreativ zu sein, aber ich hoffe, dass meine Kandidaten Lust und ein wenig Spaß haben, die Fragen zu beantworten.

Ich wünsche viel Spaß:
  • Reg Dixon
  • Coco Zinva
  • Juli D. Finn
  • Jule Becker
  • Simon Winter Autorenseite